Nice to meet Jew – Gespräch mit zwei jüdischen Jugendlichen

Gastbeitrag

Jugendredaktion Get!t – Erfurt

Hast du dich schon mal mit einem*r Juden*Jüdin unterhalten?

Wahrscheinlich haben die meisten diese Frage mit Nein beantwortet, auch bei uns in der Redaktion war das sehr ähnlich. Das wollten wir ändern; deswegen haben wir uns mit Karolina und Benjamin, zwei Jugendlichen jüdischen Glaubens digital getroffen. Karolina ist 19 Jahre alt, kommt aus Osnabrück und macht gerade ihr Abitur. Benjamin besucht mit 17 Jahren die 10. Klasse eines Gymnasiums in Hof.

Die beiden sind Teil von „Meet a Jew“. Das deutschlandweite Netzwerk des Zentralrats der Juden in Deutschland ermöglicht persönliche Begegnungen mit Menschen jüdischen Glaubens. Über 300 ehrenamtliche Juden und Jüdinnen sind für „Meet a Jew“ unterwegs und sprechen mit Klassen, Vereinen und interessierten Gruppen.

Durch diese persönlichen Begegnungen können Vorurteile und Hemmschwellen leicht abgebaut werden. In einem lockeren Gespräch können Fragen zu Glauben, Essen, Migration und vielem mehr gestellt werden. Schnell wird auffallen, dass es deutlich mehr Themen gibt als Antisemitismus, Shoa und den Nahost-Konflikt. Die Antworten fallen dabei so bunt und verschieden aus, wie auch das jüdische Leben ist. Die Begegnungen sollen das aktuelle, lebendige jüdische Leben in Deutschland widerspiegeln!

Weil wir bisher auch noch wenig Berührungspunkte mit dem jüdischen Glauben hatten, waren wir sehr gespannt aber auch aufgeregt vor unserem Gespräch:

Imke: „Ich war sehr gespannt, weil ich schon mal an einem Meet a Jew-Gespräch teilgenommen habe. Dieses Mal waren es aber zwei Jugendliche in unserem Alter. Ich war also neugierig auf ihre Perspektiven und die Unterschiede zum ersten Gespräch.“

Leonie: „Vor dem Gespräch habe ich mich darauf vorbereitet, dass es sehr ernst werden könnte, da ich selten Erfahrung mit jüdischem Leben gemacht habe, bei der nicht zumindest in kleinen Teilen auch der Holocaust thematisiert wurde.“

Unser Gespräch mit „Meet a Jew“

Trotz der anfänglichen Anspannung und Aufregung vor dem Treffen lief das Ganze weniger wie ein starres Interview mit Fragen und Antworten, sondern viel mehr wie ein lockeres Gespräch ab.

Die Jugendredaktion interessierte sich für eine bunte Themenpalette rund um Sprache, Ernährung, wie der Glaube im Alltag praktiziert wird und in den Schulalltag integriert ist, ob der Glaube eine Rolle im Freundeskreis spielt, wie die Feiertage verbracht werden und natürlich auch mit welchen Vorurteilen die beiden zu kämpfen haben.

Ein kleiner Fact: Die Sprache, die Juden in Deutschland und Osteuropa früher hauptsächlich gesprochen haben, heißt nicht jüdisch, sondern jiddisch (eine Mischung aus altem Deutsch, Hebräisch und verschiedenen osteuropäischen Sprachen). Es gibt nämlich auf der Welt auch noch andere jüdische Sprachen, z.B. jüdisches Spanisch (Ladino) oder jüdisches Arabisch. Benjamin erzählt, dass Jiddisch heute eher von älteren Menschen gesprochen wird. Trotzdem hat er ein großes Interesse daran, die Sprache zu lernen und macht gerade einen Sprachkurs über die App „Duolingo“. Ansonsten spielt Jiddisch im täglichen Sprachgebrauch keine große Rolle.  Das ist bei der hebräischen Sprache anders: Karolina betet auf (altem) Hebräisch und kann die Sprache lesen und schreiben, nur das Sprechen von moderne Hebräisch, wie es heute in Israel gesprochen wird, fällt ihr schwer. Das Hebräisch der Bibel hat sich nämlich zum modernen Hebräisch stark verändert. Auch Benjamin meint, dass es schwierig ist, sich eine Sprache anzueignen, wenn man niemanden hat, mit dem man regelmäßig üben kann.

Beide gehen noch in die Schule und nehmen nicht am evangelischen bzw. katholischen Religionsunterricht teil, sondern besuchen für jüdischen Religionsunterricht ein Gemeindezentrum in ihrer Gegend.

Von Snacks auf Klassenfahrten und Krapfen zu Hanukkah

Auch darüber hinaus spielt der jüdische Glaube eine große Rolle in ihrem Leben und beeinflusst ihren Alltag. Beide ernähren sich koscher, das bedeutet, dass sie unter anderem unterschiedliches Geschirr für Milch- und Fleischprodukte benutzen und Milch und Fleisch nicht zur selben Zeit gegessen werden. Manche Jüdinnen und Juden warten sogar sechs Stunden, nachdem sie Fleisch gegessen haben, bevor sie etwas Milchiges essen. Das muss schon zeitlich sehr gut getaktet sein und vor allem muss man sich mit Ernährung sehr gut auskennen. Karolina bedauert, dass koschere Lebensmittel im Supermarkt nur sehr selten gekennzeichnet sind. Aber die beiden sind immer gut vorbereitet und haben auf Klassenfahrten oder Geburtstagen immer Snacks dabei.

Ansonsten spielt der jüdische Glaube in ihrem Freundeskreis keine große Rolle. Es gab wohl anfangs Fragen, wie „Wieso kannst du Freitag Abend nicht zu uns kommen?“, denn dann beginnt der Schabbat. Aber wenn die Freunde über die Bedeutung aufgeklärt wurden, haben sie Verständnis. Benjamin hat seine Freunde sogar zu seiner Bar Mitzwa eingeladen.

Den Schabbat verbringen Karolina und Benjamin sehr unterschiedlich. Karolina liebt den Ruhetag und verzichtet auf die Nutzung ihrer elektronischen Geräte wie Handy oder Laptop. Sie genießt den Tag, spielt Gesellschaftsspiele mit ihrer Familie oder verbringt Zeit alleine. Benjamin hingegen findet den Schabbat eher anstrengend und lenkt sich gerne mit YouTube-Videos ab. Allerdings mag er, dass an dem Tag jiddische Lieder gesungen werden und Challa gegessen wird.

Am liebsten mögen beide das Pessach-Fest. Benjamin mag den Brauch, dass ein Stück Mazza (ungesäuertes Brot) gesucht werden muss. Aber auch die Krapfen, die es zu Hanukkah gibt, findet er sehr lecker. Karolina findet, dass die Feiertage im Judentum besonders für Kinder sehr schön sind. Besonders mag sie Pessach, weil sie viel Zeit mit ihrer Familie verbringt und gemeinsam gebetet und gefeiert wird.

Beide wurden in den Glauben hineingeboren – sind also nicht konvertiert – leben ihren Glauben aber freiwillig und gerne aus. Obwohl sie ein ganz normales Leben führen und gut integriert sind, müssen sie sich immer wieder Vorurteilen stellen, wie „Sind deine Eltern reich?“ oder wurden sogar körperlich bedrängt. Umso wichtiger ist es, dass sie sich bei „Meet a Jew“ engagieren, um mit diesen Vorurteilen aufzuräumen und uns einen Einblick in ihrem Alltag zu gewähren.

Meinungen der Redaktion

Imke: „Es war auf alle Fälle eine super angenehme Stimmung. Die Fragen kamen wie von selbst und es war ein Gespräch auf Augenhöhe, in welchem nicht verurteilt wurde, wenn man etwas noch nicht wusste.“

Leonie: „Für mich war es besonders angenehm, dass das Gespräch auf Augenhöhe war. Ich hatte gar keinen Respekt davor eine Frage zu fragen, unabhängig davon wie unsicher ich mir vielleicht war, ob das nicht eine „doofe“ Frage sein könnte. Außerdem hat das Gespräch nach ein paar Minuten nicht mehr erzwungen (war ja schließlich ein vereinbarter Termin) gewirkt, sondern hatte seinen eigenen Lauf. Was mich sehr überrascht hat, ist das beide Jugendliche sehr engagiert waren in ihrem Glauben, sodass sie beispielsweise in der Freizeit jüdische Musik hören oder Jiddisch lernen. Das hat mich beeindruckt, dass da so viel „Leidenschaft“ mit drinnen steckt.

Wir bedanken uns bei Karolina und Benjamin für das tolle Gespräch und die vielen Einblicke, die wir durch sie in das aktuelle jüdische Leben bekommen haben!

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